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Gottes Reich beginnt im Herzen

 

Zwei Themen prägten den Gottesdienst am Sonntag, 12. Juli 2026, in der neuapostolischen Gemeinde Kinzigtal: die Bitte „Dein Reich komme“ aus dem Vaterunser und die Verabschiedung von Priester Eberhard Momberger in den Ruhestand. Bischof Jürgen Kramer stellte die Frage in den Mittelpunkt, wie das Reich Gottes bereits heute im Leben der Gläubigen sichtbar werden kann. Gleichzeitig würdigte die Gemeinde einen Priester, der sich über vier Jahrzehnte mit großer Beständigkeit in unterschiedlichen Aufgaben eingebracht hat. Die Predigt, das Mitdienen und die spätere Ruhesetzung griffen dabei immer wieder denselben Gedanken auf: Entscheidend ist nicht das Äußere, sondern die innere Ausrichtung auf Jesus Christus.

Bitte um Gottes Nähe

Bereits das Eingangsgebet machte deutlich, worauf der Gottesdienst ausgerichtet sein sollte. Bischof Kramer stellte die Größe und Allmacht Gottes ebenso heraus wie dessen Nähe zu jedem einzelnen Menschen. Gott kennt die Herzen seiner Kinder, nimmt sie an, wie sie sind, und begleitet sie durch alle Lebenslagen. Neben dem Dank für Gottes Führung standen Bitten um Kraft, Trost und Orientierung im Mittelpunkt. Auch die Entschlafenen, Kranke sowie die Verantwortungsträger der Kirche wurden in das Gebet eingeschlossen.

Grundlage des Gottesdienstes war das Bibelwort aus Matthäus 6,10: „Dein Reich komme.“ Damit setzte sich zugleich eine Predigtreihe über die einzelnen Bitten des Vaterunsers fort.

Gottes Reich ist mehr als eine Zukunftshoffnung

Bischof Kramer machte deutlich, dass die Bitte „Dein Reich komme“ weit mehr ist als der Wunsch nach einer zukünftigen Vollendung. Das Reich Gottes beginnt bereits dort, wo Menschen Jesus Christus zum Mittelpunkt ihres Lebens machen.

Um diesen Gedanken greifbar zu machen, verglich er das Reich Gottes mit einem irdischen Königreich. Jedes Reich hat einen Herrscher, feste Grenzen, verbindliche Gesetze sowie Werte, die das Zusammenleben bestimmten.

Für Christen ist Jesus Christus dieser König. Die Grenzen seines Reiches werden jedoch nicht durch Länder oder Konfessionen gezogen, sondern verlaufen da, wo Menschen bereit sind, sich nach seinem Willen auszurichten.

Die Grundlage dieses Reiches bildet nicht ein Gesetzbuch, sondern Gottes Wille. Dieser ist geprägt von Liebe, Gerechtigkeit und Gnade. Gott ist ein Gott der Ordnung, zugleich aber offenbart sich seine Gerechtigkeit heute vor allem in seiner Barmherzigkeit gegenüber den Menschen.

Ein weiteres Kennzeichen des Reiches Gottes ist sein Schutz. Wie ein guter Hirte sorgt Gott für diejenigen, die ihm anvertraut sind. Der Bischof erinnerte dabei an den 23. Psalm und beschrieb Gott als denjenigen, der führt, stärkt und begleitet.

Die Kultur des Reiches Gottes

Einen besonderen Schwerpunkt legte Bischof Kramer auf die Frage, wie sich das Reich Gottes im täglichen Miteinander zeigt.

Er beschrieb auch die Werte, die das Leben der Christen prägen sollen: gegenseitige Wertschätzung, Demut, Einmütigkeit und die Bereitschaft, nicht zuerst auf den eigenen Vorteil zu schauen.

Dabei blieb die Predigt bewusst lebensnah. Der Bischof schilderte Situationen, wie sie in jeder Gemeinde vorkommen können: Menschen engagieren sich über viele Jahre treu und erleben, dass andere besondere Aufmerksamkeit erhalten oder neu in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Gerade dann kann leicht das Gefühl entstehen, selbst übersehen zu werden.

Diese Empfindungen sind menschlich. Entscheidend ist jedoch der Umgang damit.

Unter Bezug auf den Stammapostel erklärte Bischof Kramer, dass hinter vielen Reaktionen letztlich Angst steht – die Sorge, zu kurz zu kommen oder nicht genügend wahrgenommen zu werden. Dem stellt das Evangelium einen anderen Weg entgegen.

„Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.“

Diese Worte des Apostels Paulus sind kein leicht zu erfüllender Auftrag. Im Gegenteil: Sie machen deutlich, dass der Mensch aus eigener Kraft an Grenzen stößt.

Der Blick auf Christus verändert den Menschen

An diesem Punkt führte der Bischof den Gedanken weiter. Niemand kann vollkommene Demut oder selbstlose Liebe aus eigener Anstrengung hervorbringen. Wer ehrlich auf sich selbst schaut, wird immer wieder feststellen, dass eigenes Denken und Handeln hinter diesem Maßstab zurückbleiben. Gerade deshalb richtet sich der Blick auf Jesus Christus.

Er allein hat vollkommene Liebe und wahre Demut gelebt. Er hat freiwillig den niedrigsten Platz eingenommen und sich selbst hingegeben.

Wörtlich sagte der Bischof:

„Schauen wir mehr auf unseren Herrn, der die Liebe ist, der die Demut ist, und gestatten wir ihm, in uns Raum zu gewinnen.“

Nicht Selbstoptimierung oder menschliche Anstrengung stehen deshalb im Mittelpunkt des Glaubens. Vielmehr wächst Veränderung dort, wo Christus das Herz eines Menschen prägen darf.

So wird das Reich Gottes bereits heute erfahrbar – in den Gemeinden, in den Familien und überall dort, wo Christen ihrem Herrn Raum geben.

Das Vaterunser bewusst verinnerlichen

Ein weiterer Abschnitt der Predigt galt dem Vaterunser selbst.

Bischof Kramer erinnerte daran, dass Jesus Christus dieses Gebet seinen Jüngern nicht als bloßes Beispiel gegeben hat, sondern mit den Worten: „So sollt ihr beten.“

Aus einer persönlichen Erfahrung berichtete der Bischof, wie wichtig es ist, dieses Gebet tatsächlich auswendig zu kennen. Gerade in Situationen großer Belastung kann es helfen, wenn eigene Worte fehlen.

Das Vaterunser fasst in einzigartiger Weise alles zusammen, was Menschen Gott sagen können. So wurde deutlich, dass die Bitte „Dein Reich komme“ nicht allein die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi ausdrückt. Sie ist zugleich die Bitte, dass Gottes Wille schon heute das eigene Denken, Reden und Handeln bestimmt.

Hoffnung auf das kommende Reich Gottes

Mit einem persönlichen und zugleich humorvollen Einstieg knüpfte Priester Eberhard Momberger an die Ausführungen des Bischofs an. Er erzählte die bekannte Geschichte vom „Geisterfahrer“, der auf die Warnmeldung im Radio nur entgegnete: „Wieso einer? Hunderte!“ Dahinter steht eine ernste Erkenntnis: Menschen könnten überzeugt sein, auf dem richtigen Weg zu sein, und sich dennoch irren.

Von diesem Gedanken führte der Priester zum Gebet – einem Thema, das ihn über viele Jahre seines Dienstes begleitet habe. Das Gebet ist weit mehr als das Vortragen von Bitten. Es ist das persönliche Gespräch mit Gott, der seine Kinder hört und ihnen antwortet – nicht immer so, wie sie es erwarten, aber immer so, wie es zu ihrem Heil dient.

Als Beispiel nannte er die Begegnung Jesu mit dem blinden Bartimäus. Jesus habe den Mann gefragt: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Obwohl viele Wünsche denkbar gewesen wären, habe Bartimäus nur um eines gebeten: sehen zu können. Der Priester machte deutlich, dass Gott den Menschen einlädt, ihm ihre Wünsche offen zu sagen und ihm zugleich zu vertrauen. Im Mittelpunkt seines Mitdienens stand anschließend die zukünftige Dimension des Reiches Gottes. Die Bitte „Dein Reich komme“ richtet den Blick auf die Wiederkunft Jesu Christi und auf die Gemeinschaft mit Gott in Ewigkeit.

Dabei widersprach er ausdrücklich der gelegentlich geäußerten Auffassung, Christen warteten auf den Tod.

„Das ist keine Todeserwartung – das ist eine Lebenserwartung.“

Im Glauben wachsen

Der Priester erinnerte auch an seinen eigenen Weg im Glauben. Als er 2011 gefragt wurde, ob er das Priesteramt annehmen wolle, hat er zugesagt – nicht, weil er sich selbst für besonders geeignet gehalten habe, sondern weil er darauf vertraute, dass Gott die notwendige Kraft schenkt.

Zum Abschluss seines Mitdienens äußerte Priester Momberger eine persönliche Bitte: „Beten wir dafür, dass der Herr uns würdig macht auf den Tag der ersten Auferstehung und dass Gott die Zeit verkürzen möge.“

Vorbereitung auf den Höhepunkt des Gottesdienstes

Nach dem Predigtteil bereitete Bezirksevangelist Jens Schölzel die Gemeinde auf die Feier des Heiligen Abendmahls vor.

Für ihn schloss sich damit der Kreis zu den Gedanken des Bischofs. Jesus Christus hat eine Kultur der Liebe in diese Welt gebracht – eine Haltung, die seine Jünger damals ebenso beeindruckt hat, wie sie Christen bis heute herausfordert.

Die Predigt hat gezeigt, dass niemand aus eigener Kraft die Vollkommenheit Christi erreicht. Gerade deshalb braucht jeder immer wieder die Nähe des Herrn und seine vergebende Liebe.

Der Bezirksevangelist griff den Wunsch des Bischofs auf, der bereits am Vortag entstanden war: Zur inneren Vorbereitung sollte die Gemeinde ausnahmsweise alle fünf Strophen des vorgesehenen Bußliedes singen. Nicht der äußere Ablauf, sondern das bewusste Beten der Liedverse sollte die Herzen auf das Heilige Abendmahl vorbereiten.

„Der Meister ruft dich“

Zum Abschluss seiner Ansprache griff Bezirksevangelist Schölzel die Begegnung Jesu mit dem blinden Bartimäus auf. Als Jesus ihn rief, haben die Menschen ihre Haltung verändert und Bartimäus zugerufen: „Er ruft dich.“ Dieses Wissen hat den Blinden ermutigt. Er hat seinen Mantel zurückgelassen und ist ohne Zögern zu Jesus gegangen.

Mit diesem Bild sprach der Evangelist eine Einladung an die Gemeinde aus. Alles, was das Herz beschwert – Sorgen, Zweifel, Schuld oder die eigene Unzulänglichkeit –, darf vor Christus abgelegt werden.

„Der Meister ruft uns.“

Mit dieser Ermutigung leitete er zur Feier des Heiligen Abendmahls über. Nach dem gemeinsamen Singen des Bußliedes folgten das Vaterunser, die Freisprache und die Feier des Heiligen Abendmahls.

Im Anschluss bereitete ein Musikbeitrag die Gemeinde auf den zweiten Schwerpunkt des Gottesdienstes vor.

42 Jahre Dienst für Gott und die Gemeinden

Nach der Feier des Heiligen Abendmahls stand ein besonderer Moment des Gottesdienstes bevor: die Ruhesetzung von Priester Eberhard Momberger.

Bischof Jürgen Kramer blickte zunächst auf die vergangenen Jahrzehnte zurück. Insgesamt 42 Jahre hatte Priester Momberger als Amtsträger gedient. Seine erste Ordination erfolgte im September 1984 durch Bezirksapostel Saur. Im September 1997 wurde er durch Apostel Kreuzberger zum Diakon ordiniert. Die Priesterordination folgte im März 2011 in Hanau durch Apostel Opdenplatz.

Sein Dienst führte ihn durch mehrere Gemeinden. Dazu gehörten Büdingen, Gelnhausen, Langenselbold und zuletzt Kinzigtal. Überall hat er Spuren hinterlassen und Verantwortung übernommen.

Beim Blick auf die zahlreichen Aufgaben, die der Priester im Laufe der Jahre wahrgenommen hatte, wurde die Vielfalt seines Engagements sichtbar. Er wirkte unter anderem als Organist, Chorleiter, Religionslehrer, Fotograf, Bild- und Tonbeauftragter sowie in verschiedenen organisatorischen Aufgaben der Gemeinden.

Bischof Kramer machte deutlich, dass es nicht entscheidend ist, welche Aufgaben jemand übernommen hat, sondern mit welcher inneren Haltung dies geschehen ist. Bei Priester Momberger sei immer wieder erkennbar gewesen: Wenn Hilfe benötigt wurde, hat er sich zur Verfügung gestellt.

Dabei hat er nicht immer alle Antworten oder die notwendigen Kenntnisse sofort gehabt. Er hatte das  Vertrauen,  dass Gott die Kraft gibt, einen Auftrag anzunehmen und ihn auch durch schwierige Zeiten hindurch auszuführen.

„Der Herr sieht das Herz an“

Als persönliches Bibelwort für diesen besonderen Tag wählte Bischof Kramer 1. Samuel 16,7:

„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“

Die Bibelstelle erzählt von der Auswahl des späteren Königs David. Der Prophet Samuel blickte zunächst auf das Äußere der vorgestellten Männer. Gott jedoch hatte einen anderen Maßstab.

Diesen Gedanken übertrug Bischof Kramer auf den Dienst von Priester Momberger. Menschen würden häufig zuerst das Sichtbare wahrnehmen: Aufgaben, Leistungen und Ergebnisse. Gott sieht jedoch tiefer – er sieht die Beweggründe und die Haltung eines Menschen.

„Der Herr sieht das Herz an“ gilt deshalb für die gesamte zurückliegende Dienstzeit, sagte der Bischof.  Auch für die Zukunft solle dieses Wort begleiten, denn mit der Ruhesetzung endet nicht die geistliche Verbindung zur Gemeinde. Die Amtsvollmacht bleibt bestehen. Der aktive Amtsauftrag wird beendet, gleichzeitig bleibt er Priester und wird weiterhin in Abstimmung mit dem Gemeindevorsteher Aufgaben übernehmen.

Besonders genannt wurde dabei die Krankenversorgung. Auch künftig wird Priester Momberger Glaubensgeschwister der Gemeinde besuchen und mit ihnen das Heilige Abendmahl feiern.

Bischof Kramer sagte:

„Der Herr sieht dein Herz an, wie er es getan hat, so tut er es auch in Zukunft.“

Im Namen des Apostels dankte er anschließend für den langjährigen Dienst in den verschiedenen Gemeinden und im gesamten Arbeitsbereich.

Verabschiedung mit persönlichem Dank

Auch Priester Marcus Möll, Vorsteher der Gemeinde Kinzigtal, richtete persönliche Worte an seinen Priester und Amtsträger.

Er dankte für den Einsatz in den vergangenen Jahren und erinnerte daran, dass sein Dienst weit über die eigene Gemeinde hinausgewirkt hat. Die Gemeinden Büdingen, Gelnhausen, Langenselbold und Kinzigtal sind mit seinem Wirken verbunden.

Als Zeichen der Wertschätzung überreichte der Vorsteher einen Blumenstrauß aus dem Kreis der Amtsträger und Amtsträgerinnen. Außerdem erhielt der Priester ein gemeinsames Erinnerungsbild sowie ein besonderes Geschenk, das seine zweite große Leidenschaft aufgreift: die Fotografie.

Ein neuer Abschnitt beginnt

Mit der Ruhesetzung endete ein Abschnitt von 42 Jahren aktivem Dienst. Gleichzeitig wurde deutlich: Der Abschied bedeutet keinen Rückzug aus dem Gemeindeleben.

Die Erfahrungen, die gewachsenen Beziehungen und die Bereitschaft, weiterhin für Menschen da zu sein, bleiben bestehen.

Bischof Kramer beendete den Gottesdienst mit Gebet und dem Schlusssegen.

Eindrucksvoll gestaltete der Chor mit Gesang, Lesung und Sologesang den Gottesdienst. Als Wertschätzung und als ein Dank, wurden die Lieblingslieder des Priesters vorgetragen.  

13. Juli 2026
Text: Astrid Körner
Fotos: Andreas Wagner

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Bischof Jürgen Kramer
Priester Eberhard Momberger
Bezirksevangelist Jens Schölzel
Bischof Kramer und Priester Momberger
 

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